Nach Ouarzazate sind wir definitiv in die Wüste eingetaucht. Eine weite, beruhigende Farbsymphonie in tausend braun –und rottönen, bizarre Felsformationen gerahmt vom verschneiten Atlas in der Ferne. Dazwischen die Oasendörfer mit ihren Dattel –und Fruchtplantagen, wunderschönen Kasbahs – reich verzierte, festungsähnliche Lehmbauten – und den weidenden Dromedarherden. Kein Wunder also, dass unser Zelt im Oasenort Skoura direkt unter einer grossen Dattelpalme zu stehen kam.
Als wir dann trunken von dieser kargen Schönheit und beide etwas verträumt Richtung Dadesschlucht rollten, musste zuerst Didis Pneu reissen um uns wieder in die Radlerrealität zurückzuholen. Ersatz haben wir seit Istanbul ja dabei und so erreichten wir gegen Abend Boumaine, das Tor zur Dadesschlucht. Nach der Ruhe beim Atlasabstieg und den rund 150km in der Wüste wurden wir vom heftigen Treiben in Boumaine etwas überrumpelt. Jeder will ein Zimmer, ein Tajine oder einen Ausflug in die Dadesschlucht verkaufen. Wir dagegen wollten doch einfach zuerst einmal ankommen. Wir fanden ein Hotel wo wir unser Zelt aufstellen konnten und am nächsten Tag zu Marcs 30. Geburtstag ein tolles Frühstück serviert bekamen. Trotz allem war uns die Lust am der Dadeschlucht etwas vergangen und wir beschlossen, dieses touristische Highlight auszulassen und trotz Geburtstag die 50km bis Tinghir weiterzuradeln. Mit einem wahnsinns Rückenwind waren wir 1.5 Stunden später auch schon dort. Das eine oder andere Dromedar wird nun wohl mit einer Halsstarre zu kämpfen haben, da es versucht hat, diesem zweirädrigen Highspeedtross nachzuschauen. Wir wussten, dass in Tinghir ein gewisser Edy Kunz ein Hotel führt. Als vor rund 9 Jahren an den Münsinger Filmnächten das Thema “Wüste und andere Sachen” aufgegriffen wurde, ist dieser mit zwei Berberzelten, Tajines und x anderen Marokkoutensilien den ganzen Weg von Tinghir bis nach Münsingen gereist, um dem Aaretal die Wüste etwas näher zu bringen. Natürlich haben wir es uns nicht nehmen lassen, ihm als Kleindelegation die besten Grüsse der Filmnachtcrew zu überbringen. Es wurde ein lustiger Abend und Edy hat nach 20 Jahren Marokko die eine oder andere Geschichte zu erzählen.
Dann kam das, was wir schon seit längerem etwas befürchtet hatten. In Goulmima, einem weiteren Oasenkäffchen, ist Didis Hinterradfelge gerissen. Wenn wir eine Wunschliste für die Reise in Marokko gehabt hätten, wäre ein Felgenbruch in der Wüste sicher nicht darauf gestanden. Einen Velomechaniker zu finden war kein Problem. Goulmima muss wohl die heimliche Hauptstadt der Velomechs sein, wir haben sicher 15 dieser kleinen “Werkstätten” gesehen. Schwierig war eine Felge zu finden. Mohamed, der Mechaniker unseres Vertrauens, half uns dabei. Gemeinsam mit der ausgebauten Felge, haben wir uns auf der Ladefläche seines dreirädrigen Motorrades platziert und haben ganz Goulmima nach einer Felge abgeklappert. Irgendwann kam dann Irgendwo, Irgendwie eine zwar etwas lädierte aber durchaus fahrtüchtige Felge zum Vorschein. Den Nachmittag haben wir damit verbracht, die alte und neue alte Felge auszuspeichen, Nabe und Kränze umzusetzen und wieder einzuspeichen. Dazu wurde viel Tee getrunken und viel lamentiert. Als der Schaden dann behoben war, war Mohamed der Meinung, dass es so ein schöner Tag mit uns gewesen sei, dass er keine Bezahlung wolle! Besser sei es, wenn wir mit ihm etwas essen gingen und dann noch kurz gemeinsam bei der Berberhochzeit seines Freundes reinschauen würden. Juhuuuu!!! Wie ein Tag der so beginnt eine solche Wendung nehmen kann… Felgenbruch also doch auf die Wunschliste.
Schliesslich erreichten wir Errachidia und verliessen tagsdarauf nach rund 400 Wüstenkilometern, diese karge aber wahnsinnig faszinierende und schöne Gegend Richtung Atlas. Durch das fruchtbare, Dattelpalmengesäumte Ziztal stiegen wir langsam höher und überquerten nach Rich den hohen Atlas schliesslich zum zweiten Mal. Bereits am nächsten Tag wartete der mittlere Atlas mit einem 2200 Meter hohen Pass auf uns. Das wunderschöne Wetter, die einmalige Landschaft und die absolute Ruhe entschädigte für jeden erkämpften Höhenmeter xfach. Kurz nach dem Pass fanden wir am Sidi Ali See einen schönen Platz wo wir unser Zelt hinstellen konnten. Zwar fiel auf dieser Höhe die Temperatur in der Nacht auf die 0 Gradgrenze dafür erlebten wir einmal mehr einen unbeschreiblich schönen Sternenhimmel in absoluter Einsamkeit. Am Morgen schauten ein paar Hirten mit ihren Schafen und Ziegen vorbei und schliesslich machten auch noch zwei deutsche Ehepaare mit ihren Wohnmobilen rast. So bekamen wir doch tatsächlich noch einen Kaffee serviert und konnten erst noch ein wenig Bücherbalast abladen.
Über Azrou und Meknes landeten wir schliesslich in Volubilis, einer altrömischer Ausgrabungsstätte. Am Strassenrand kamen wir mit zwei Brüdern ins Gespräch, welche versuchen “Fossilien” an Touristen zu verkaufen. Da aber jeder Blinde sieht, dass es sich dabei einfach um Steine aus dem nebenanliegenden Acker handelt gelingt ihnen dieses Geschäft selten bis gar nie. Die Armut steht den beiden ins Gesicht geschrieben und daher haben wir ihr Angebot angenommen, unser Zelt gegen ein Entgelt in ihrem Garten aufzustellen. Als wir das Zelt aber aufstellen wollten, fingen sie jedoch nach Ausreden zu suchen. Schliesslich fanden wir heraus, dass der Garten nicht ihnen gehört, sondern dass sie von einem reichen Mekneser als Wächter dafür angestellt sind. Da der Mekneser aber dummerweise gerade vor Ort war und sich sicher nicht darüber gefreut hätte, dass sein Garten als Campingplatz missbraucht wird, mussten wir noch etwas mit dem Aufstellen warten. Die Brüder sind über ihren Geschäftserfolg so in Hochstimmung geraten, dass sie uns auch gleich noch das Abendessen verkauften. Tajine für zwei Personen. Um 20:00 Uhr einzunehmen in ihrer Hütte. Bezahlen mussten wir es sogleich, da sie kein Geld hatten, um die Zutaten im nächsten Dorf einzukaufen. Gespannt standen wir also um 20:00 Uhr vor dem Häuschen. Von Tajine keine Spur, dafür Stromausfall. Einer der Brüder versuchte uns etwas zu unterhalten und schliesslich tauchte dann der zweite mit einem wunderbaren Tajine auf. Die Schwester hatte es im Dorf zubereitet und er hat es per Autostopp zurück zur Hütte gebracht. Es wurde ein lustiger Abend mit den beiden.
Der nächste Tag begann mit dem bereits seit längerem angekündigten Regen. Ein Familie welche auf dem Parkplatz nebenan mit ihrem Lastwagen genächtigt hatte, erbot sich, uns etwas im Lastwagen mitzunehmen. Wir sagten natürlich nicht nein und stiegen mit Sack und Pack in den französischen Camion. In Chefchouen schlenderten wir gemeinsam noch etwas durch die Stadt und fuhren dann gemeinsam in das kleine Bergdorf Akchore. Dort führt ein Freund der Familie die Auberge Cafe Rueda. Grec, Cécile und Nahail stellten ihren Camion hinter die Auberge und wir beide nisteten uns auf der Dachterrasse im Berberzelt ein. Neben uns war noch ein ganzes Rudel tschechischer Kletterer vor Ort. Die Idee wäre gewesen, am nächsten Tag weiter Richtung Tanger zu fahren. Akchore liegt jedoch so wunderschön zwischen zwei Nationalparks gelegen, dass wir nicht einfach so weiterziehen konnten. Statt dessen machten wir zwei wunderschöne Wanderungen zu den Nahe gelegenen Wasserfällen und der beeindruckenden Pont de dieu – einer natürlichen Felsenbrücke – im wildromantischen Oued-Laou Tal. Beim Autostopp zum Ausgangspunkt der Wanderung nahm uns eine Gruppe Studenten aus Fes mit. Es wurde eine tolle Begegnung die schlussendlich damit endete, dass sich auch die Feser im Cafe Rueda einquartierten und wir am Abend gemeinsam zum Tajineplausch ansetzten.
Die Tajineenergie konnten wir schliesslich gut gebrauchen. Die nächsten knapp 100 Kilometer bis Martil waren unsere bisher grösste Herausforderung auf Schotter, Lehm und Staubpisten. Nun haben wir aber auch dieses Gerumpel hinter uns gebracht und Morgen geht es weiter nach Ceuta, wo wir hoffentlich eine Fähre nach Spanien erwischen.